NSA – Nationales Sicherheits-Amt

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Was wäre, wenn Sir Charles Babbage seine (theoretisch tatsächlich funktionsfähige) „analytical engine“ in den 1840ern erfolgreich zu Ende entwickelt hätte? Wenn es Computer schon einhundert Jahre früher gegeben hätte? Was wäre, wenn das Deutsche Reich führend gewesen wäre in Sachen „Komputer“, wenn es schon im Kaiserreich ein „Weltnetz“ und ein „Deutsches Forum“ gegeben hätte und praktisch jeder in Deutschland schon um 1930 ein tragbares Telephon gehabt hätte? 

Andreas Eschbach nimmt uns mit in eine bedrückende alternative Geschichtserzählung. Vieles entspricht der Geschichte, wie wir sie kennen, doch nicht alles: Deutschland hat den (ersten und bis dahin einzigen) Weltkrieg verloren, wenn auch etwas früher als in der uns bekannten Geschichtsversion. Adolf Hitler greift nach der Macht, und Helene Bodenkamp, Tochter aus gutem Hause mit großer Begabung fürs Programmieren, übernimmt eine Stelle als „Programmstrickerin“ im Nationalen Sicherheits-Amt in Weimar, dem NSA, das schon seit der Kaiserzeit die Informationsströme im Reich überwacht. Ja: In dieser Version der Geschichte ist Programmieren reine Frauensache; es herrscht allgemein die Auffassung, dass Männer diese Dinge nicht so gut verstehen. Die Männer sind eher fürs Grobe da: Für die Hardware, die Maschinen, aber auch für die großen Leitlinien.

Im NSA trifft Helene auf den Analysten Eugen Lettke, der die Möglichkeiten, die das Amt ihm bietet, für seine eigenen Zwecke nutzt: Er sucht und findet belastende Informationen bei Frauen, um diese zu erpressen und sich sexuell gefügig zu machen, und verstrickt sich immer tiefer in diese Machtspiele, die zu einer Art Sucht für ihn werden. 

„Scientia potentia est“ steht über dem Eingang des NSA eingemeißelt – Wissen ist Macht. Ein Spruch, der sich immer mehr bewahrheitet. Nach und nach entdeckt Helene, die zunächst trotz ihrer überzeugten Nazi-Eltern relativ unpolitisch war, welche Macht ihnen in diesem Amt tatsächlich zu Füßen liegt. Da die Nazis auch das Bargeld verboten haben, sind sämtliche Käufe und Zahlungen aller Bürger in Datenbanken verzeichnet. Helene entwickelt Datenbankabfragen, die es möglich machen, etwa anhand des erhöhten Lebensmittelverbrauchs einzelner Haushalte festzustellen, wer Juden oder andere verfolgte Menschen bei sich versteckt. Einer ihrer ersten „Erfolge“ ist die Entdeckung einer gewissen jüdischen Familie Frank, die sich in Amsterdam versteckt hält. Auch andere historische Personen spielen in ihr Leben hinein beziehungsweise sie in ihres: Die „Weiße Rose“ findet sie anhand der Ortungsdaten der tragbaren Telephone wenige Tage nach der Verteilung des ersten Flugblatts – ein zweites wird es daher nicht mehr geben.

Helene lernt kurz vor dessen Einberufung den Geschichtsstudenten Arthur Freyh kennen, der seine Abschlussarbeit über die aus ihrer Sicht völlig abwegige Frage schreibt: Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn Babbage damals eben nicht den Komputer erfunden hätte? Nur andeutungsweise kommt auf diese Weise ein Vergleich zwischen der alternativen Realität Eschbachs und der Geschichte zustande, wie wir sie kennen – diesen Aspekt hätte man vielleicht noch ein wenig ausbauen können. Ich fand es spannend, „unsere“ Realität quasi als Gedankenspiel in einer anderen auftauchen zu sehen.

Immer schwieriger wird die Situation für Helene, als Arthur eines Tages als Fahnenflüchtiger vor ihrer Tür steht. Sie versteckt ihn auf dem Bauernhof einer Freundin in einem Versteck, das ursprünglich für einen Juden gedacht war, der jedoch nicht mehr aufgetaucht war. Wie kann sie es bewerkstelligen, bei der Arbeit nicht aufzufallen, weiter gute Ergebnisse zu liefern und trotzdem ihren Geliebten zu schützen? Diese Frage zerreißt sie beinahe. Zudem geht ihr immer deutlicher auf, dass sie durch ihre Arbeit das Leben von Tausenden Menschen in der Hand hält. Sie versucht, zu schützen, was zu schützen geht. Immer mehr Risiken muss sie dafür auf sich nehmen. Zuletzt, als alles ausweglos erscheint, opfert sie in gewisser Weise ihr Leben, ihre ganze Zukunft für ihren Geliebten. Ob sie damit Erfolg hat? Ich konnte jedenfalls das Buch kaum noch aus der Hand legen, denn ich fühlte mit Helene mit, die doch nur das beste für ihren Geliebten sucht. Kann es denn noch etwas Gutes geben in dieser Welt, in der die Nazis die uneingeschränkte Macht über alle Arten von Informationen haben? Kann diese Geschichte noch gut ausgehen? 

Eschbach verbindet in dieser Erzählung auf bedrückende Weise unsere Erfahrungen von heute mit der damaligen Geschichte, die auch ohne Komputer und lückenlose Überwachung schon mehr als schrecklich war. Wenn jeder jederzeit überwachbar ist und überwacht wird – welche Freiheit bleibt dann noch? „Ich habe doch nichts zu verbergen“, so sagen viele heute. Doch stimmt das? Was ändert sich, wenn sich das Regime ändert? Wenn Dinge im „Deutschen Forum“ oder auf Facebook stehen bleiben, die einmal vor langer Zeit erlaubt waren, die den neuen Herrschern aber nicht passen? So, wie damals das Merkmal „Jude“ in den niederländischen Einwohnerverzeichnissen, das als ziemlich unproblematisch galt – bis die Nazis kamen? Google und Facebook können uns kaum schaden, sie können uns „schlimmstenfalls“ passendere Werbung ausliefern. Aber was, wenn ein totalitärer Staat eines Tages Zugriff auf diese Daten hat? Eine düstere Zukunfts- oder vielleicht besser Vergangenheitsvision, die Eschbach uns hier vorlegt. Ein bedrückender Roman, der auf erschreckende Weise Gegenwart und Vergangenheit miteinander vermischt und die Frage stellt: Wird das unsere Zukunft sein?

Ich hatte dieses Buch mit etwas Skepsis zu lesen begonnen, denn ich dachte, zu Nazis ebenso wie zum Thema Überwachung könne mir nicht mehr allzu viel Neues begegnen. In der Tat ist auch nicht viel Neues enthalten – abgesehen eben von der Verknüpfung dieser beiden Themen zu einem. Das macht diesen Roman zu einem erschreckenden und fesselnden Werk. Ich konnte ihn kaum noch aus der Hand legen. Sehr zu empfehlen!
 

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 


Eschbach, Andreas: NSA – Nationales Sicherheits-Amt. Bastei Lübbe, gebundene Ausgabe, 800 Seiten, ISBN 978-3-7857-2625-9, 22,90 €
E-Book 16,99 €
 

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