Das Buch beginnt mit einem wirklich beklemmenden Kapitel, das einen gerade in diesen heißen Tagen so schnell nicht wieder loslässt: Eine noch nie dagewesene Hitzewelle erfasst eine Region in Indien. Wir erfahren davon aus der Perspektive von Frank, einem Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Die Situation ist hoffnungslos, ohne Klimaanlagen ist Überleben nicht möglich, der Strom fällt aus, die Leute fliehen in den See, doch selbst dort ist die Temperatur zu hoch, um zu überleben.
Später erfahren wir: 200 Millionen Menschen sind an diesem Tag gestorben. Nur Frank hat irgendwie überlebt. Ein Erlebnis, das ihn sein Leben lang begleitet, ihn nie loslässt, ihn auch zu Gewalttaten verleitet.
Dieses Ereignis ist ein Weckruf für die Welt. Na ja, immer noch nicht für die ganze Welt. Für viele ist Indien weit weg. Doch Dürren, Überschwemmungen, Hitzeperioden nehmen überall zu, eines Tages wird halb Los Angeles weggeschwemmt.
Die Vereinten Nationen haben ein „Ministerium für die Zukunft“ eingerichtet, das vor allem einem Zweck dienen soll: Eine Stimme sein für die zukünftigen, noch nicht geborenen Generationen. Die Leiterin dieses Ministeriums, Mary, sitzt in Zürich und versucht verzweifelt, die verschiedensten Aktionen zu koordinieren und Klimaschutzmaßnahmen zu organisieren.
Von da an zerfasert das Buch, als hätte die Hitzewelle in Indien nicht nur die Ordnung der Welt, sondern auch die Ordnung dieses Buches durcheinandergebracht. Immer wieder erzählen Menschen in der Ich-Perspektive von ihren Erlebnissen, ohne dass wir jemals erfahren, wie sie heißen oder in welcher Großstadt beispielsweise die Wasserquellen vollständig versiegten. Selbst ein Photon oder ein Kohlenstoffatom erzählen von ihrer Reise durchs Universum in der Ich-Perspektive.
Auch zeitlich verliert man völlig die Orientierung. Wie viele Jahre oder Jahrzehnte sind mittlerweile vergangen? Es bleibt irgendwie unklar. Wer koordiniert tatsächlich die Aktionen? Gibt es eine Koordination? Arbeiten die Untergrundorganisationen und der „schwarze Flügel“ des Ministeriums inoffiziell zusammen? Alle diese Fragen bleiben offen.
Frank und Mary begegnen sich. Genauer gesagt: Frank kidnappt Mary, um ihr die Dringlichkeit der Situation klarzumachen. Es entwickelt sich eine seltsame Beziehung zwischen den beiden. Freundschaft? Die gemeinsame Sorge um den Planeten?
Terror-Organisationen kommen auf den Plan, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Oder steckt sogar das Ministerium der Zukunft dahinter? Wo bleibt die Moral, wenn Milliarden Menschen in Gefahr sind und Millionen schon gestorben sind? Ist es moralisch verwerflich, einige Flugzeuge mit Drohnen zum Absturz zu bringen und damit den fossilen Flugverkehr völlig zu Erliegen zu bringen? Ist es moralisch verwerflich, Anschläge auf die reichen Bosse von fossilen Konzernen zu verüben, sie der Reihe nach umzubringen? Ist es verwerflich, die Atmosphäre durch Chemikalien zu verdunkeln, um der Erde für ein paar Jahre ein paar Grad weniger zu ermöglichen? Und auch die Gegenseite schreckt nicht vor Gewalt zurück. Die, die an der fossilen Gesellschaft verdienen, verteidigen ihr Geschäftsmodell ebenfalls mit Gewalt, mit Anschlägen und Bomben. Mary verbringt einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens in „safe houses“ irgendwo in der Schweiz.
Es gibt keinen einheitlichen Plan in diesem Buch. Und doch packen die Menschen nicht nur das Klima-Problem an, sondern eigentlich alles: Die Art, wie Marktwirtschaft funktioniert. Das Gerechtigkeits- und Armutsproblem. Die Steueroasen. Die Schere zwischen Arm und Reich. Und vieles, vieles mehr.
Ich möchte dieses Buch wirklich empfehlen. Und das, obwohl es geradezu uferlos ist. An so vielen Stellen dachte ich mir: „Na, das geht vielleicht auch ein bisschen kürzer!“ In der Mitte habe ich manchmal nachgeschaut, ob ich jetzt endlich mal die Hälfte geschafft habe. Es ist eben kein einfaches Buch, ganz im Gegenteil. Es ist durchaus Arbeit, es zu lesen, und es bleibt eine gewisse Desorientiertheit darüber, was nun eigentlich in dieser langen Zeit alles geschehen ist.
Viele völlig unterschiedliche Ansätze, bestimmte Aspekte des Klimawandels anzugehen, werden in diesem Buch beschrieben. Vielleicht ist es sogar so vom Autor gedacht: Eher eine (halb populärwissenschaftliche) Abhandlung über unsere Handlungsmöglichkeiten in der Klimakrise, in Buchform gebracht.
Manche Rezensionen bemängeln, der Autor befürworte die Anwendung von Gewalt, weil sie in diesem Buch beschrieben wird. Aber dann müsste man ja jedem Krimiautor das gleiche vorwerfen. Allerdings führt er uns sehr geschickt in diese moralische Zwickmühle: Ist Gewalt vertretbar, wenn dadurch am Ende die ganze Menschheit gerettet werden kann? Wiegt das Schicksal des einen das Schicksal aller doch nicht auf, zumal wenn der „eine“ eindeutig auf der „bösen“ Seite steht? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es im Buch nicht.
Trotz all der Längen und der Orientierungslosigkeit im Buch: Ich möchte es unbedingt empfehlen, kann aber keine fünf Punkte geben. Oder holt es euch in einer Bibliothek und lest wenigstens das erste Kapitel. Am besten jetzt noch, während es so heiß ist.
Ja, und allen, die irgendwo in politischer Verantwortung sind, möchte ich dieses Buch mit mindestens zehn von fünf Punkten ans Herz legen.
Vielleicht kriegen wir es ja noch hin. Vielleicht kommen wir sogar zu einer gerechteren und friedvolleren Gesellschaft. Trotz der vielen Toten und Katastrophen: Das Buch macht Hoffnung, dass es alles gut ausgehen könnte.
Kim Stanley Robinson: Ministry for the Future, Hardcover, 576 Seiten, Orbit 2020
Sprache: English
deutsche Ausgabe: Kim Stanley Robinson, Paul Bär (Übersetzung): Das Ministerium für die Zukunft. Buch (Softcover), 716 Seiten, EAN 9783453322868, September 2023, Heyne Taschenbuch
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