Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

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Harold Fry, seit einigen Monaten im Ruhestand, ist ein völlig unauffälliger, geradezu langweiliger Mensch. Nie ist er in seinem Berufsleben aufgefallen. Mit seiner Frau Maureen verbindet ihn nicht mehr viel, sie gehen sich aus dem Weg. Sein Leben tröpfelt so vor sich hin.

Bis eines Tages der Brief kommt: Queenie Hennessy, seine ehemalige Kollegin und gute Freundin, liegt im Sterben. Einen kurzen, nichtssagenden Brief schreibt er, will ihn gleich einwerfen. Doch dann läuft er kurzentschlossen am Briefkasten vorbei. Und auch am nächsten. Und auch am Postamt. In einer Tankstelle redet er mit der Verkäuferin, die ihm erzählt: Ihr Glaube habe ihre Tante gerettet. In ihm wächst die Überzeugung, dass er nur bis zu seiner Kollegin laufen muss, um sie zu retten. Und das tut er.

Gut 1000 Kilometer und 83 Tage braucht er für die Reise. Und diese Reise verändert alles. Er begegnet Menschen und merkt, wie sie sich ihm öffnen. Sie erzählen von sich selbst, ihren Sorgen und Nöten. Auf den langen, einsamen Wegen kommt er selbst zur Ruhe. Stellt sich seiner Vergangenheit. Seinen Ängsten, seinem Versagen in der Erziehung seines Sohnes David. Seinem Versagen in der Ehe mit Maureen.

Immer stärker nimmt er die Natur um sich herum wahr. Immer fremder werden ihm die Menschen, vor allem in der geschäftigen Stadt. Von Herberge zu Herberge zieht er und macht sich eines Tages auch davon frei: Nur noch mit einem Schlafsack, ohne Geld, geht er weiter. Schreibt Postkarten an Queeney, an seine Frau, und an das Mädchen von der Tankstelle.

Vor allem aber denkt er immer mehr über seine Vergangenheit nach. Darüber, was er hätte anders machen können. Darüber, was für ein Feigling er meistens war. Darüber, wie das Leben mit seiner Frau anders hätte laufen können.

Doch nicht nur ihn verändert diese Reise: Auch Maureen, jetzt allein zu Hause, stellt ihr Leben um. Findet zurück ins Leben. Fängt wieder an, den Garten zu bepflanzen, wie sie es früher tat. Zieht wieder um ins gemeinsame Schlafzimmer, das sie vor zwanzig Jahren verlassen hatte, und vermisst ihren Mann jeden Tag.

Bis zum Schluss bleibt das Buch spannend: Wird Harold es rechtzeitig schaffen? Wie wird Queeney reagieren? Werden Harold und Maureen wieder zusammenfinden? Und was ist mit David, ihrem Sohn? Was ist damals, vor zwanzig Jahren, eigentlich geschehen?

Es ist ein bewegendes Buch über Menschen auf der Suche nach sich selbst. Auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben. Auf der Suche nach Vergebung – für sich selbst und für die Menschen, die ihnen Schlimmes angetan haben. Auf der Suche nach Liebe und Nähe. Ein wunderbares Buch, das ich kaum noch aus der Hand legen konnte, und das mich sehr berührt hat. Fünf Kuschelpunkte und eine absolute Leseempfehlung.  

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Taschenbuch, 400 Seiten, FISCHER Taschenbuch; 11. Auflage 2013, ISBN 978-3-5961-9536-7, 9,99 €

E-Book 9,99 €

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