der letzte Zug

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Ächzend ließ sich Klaus aus seinem Rollstuhl herab auf den Bahnsteig. Es war mitten in der Nacht. Vor zwei Tagen war er abgehauen. Sicher suchte man ihn überall, ihn, den fast Neunzigjährigen. Alle hielten ihn für plemplem. Doch er, er hatte es immer noch geschafft. Ganz allein, mit der Bahn. Er wusste ja, wo er Hilfe bekommen konnte. Er war doch vom Fach. Gut, dass er den Rollstuhl mitgenommen hatte, obwohl er durchaus noch ein paar Schritte selbst gehen konnte. Das machte die Menschen hilfsbereiter, und irgendwie schien es ihm auch angemessen, auf Rädern hierher zurückzukehren.

Schienenbus am Bahnhof Windsbach. Foto: Jörg Schäfer 1982Nun saß er hier, am Bahnhof seines Lebens. Er war mit dem Taxi gekommen, ein Zug fuhr hier schon lange nicht mehr. Keiner wusste das besser als er, denn er hatte damals als Zugführer den letzten Schienenbus aus diesem kleinen Endbahnhof gesteuert. Ein letztes Mal die abgewetzten, schäbig gewordenen Sitzlehnen in Fahrtrichtung umgeklappt. Ein letztes Mal die hakeligen Falttüren geschlossen. Ein allerletztes Mal seine Lieblingsstrecke gefahren, nur vier Stationen, fünf, wenn er die ehemalige Bedarfshaltestelle mitrechnete, an der sowieso nie jemand ein- oder ausstieg. Die engen Kurven, die nur mit 20 Stundenkilometern befahren werden durften. Die einsamen Strecken im Wald, immer auf der Hut vor Rehen, vor jedem unbeschrankten Bahnübergang pfeifen, nach 20 Minuten schon am Endbahnhof ankommen. Dort stiegen die Reisenden um in andere Züge, die sie in die weite Welt hinaustrugen. Und er? Er zog den Handgriff des Führerbremsventils und den Gangwahlschalter ab, schloss das Steuerpult zu und ging wieder ans andere Ende seines kleinen Zuges. Sitzlehnen umklappen, Türen schließen, Handgriff einsetzen, los ging es zurück durch die Wälder und über die Bahnübergänge, durch die engen Kurven, immer wachsam, immer auf der Hut. Manchmal war der Zug proppenvoll mit Schülern, manchmal war er ganz allein, einsam in der Nacht im Schienenbus durch den dunklen Wald.

Er blickte um sich. Im Schein des vollen Mondes sah er das frühere Nebengebäude. Es war jetzt völlig verfallen: Der Putz abgebröckelt, die Fenster blind oder zersplittert, das Dach teilweise eingestürzt, die Tür schief in den Angeln. Im alten Bahnhofsgebäude dagegen war heute, welch Ironie, eine Fahrschule untergebracht. Dort, wo früher der Schalterbeamte im vollen Bewusstsein der Bedeutsamkeit seiner Tätigkeit die kleinen Papp-Fahrkarten ausgegeben hatte, die einen Menschen zur Fahrt in die Welt berechtigten, dort lernten heute junge Menschen, wie sie auch ohne die Bahn diesem kleinen, verschlafenen Nest entfliehen konnten.

Klaus ließ die Beine über die Bahnsteigkante baumeln. Trotz allem immer noch: Ein mulmiges Gefühl, als könnte gleich ein Zug einfahren. Ein Gefühl von Kraft, Leben, ja, Gefahr. Etwas Verbotenes, völlig Verrücktes. Was hatte er selbst Menschen zurechtgewiesen, die sich der Kante zu sehr genähert hatten und ihr Leben damit in Gefahr gebracht hatten!

Seine Gedanken schweiften weiter zurück in jene Zeit, als der Bahnhof noch das Lebenszentrum dieses Ortes war. Zurück in jene Zeit, als er, Klaus, derjenige war, der das Leben hierher und wieder von hier weg brachte, derjenige, der die Verbindung herstellte zur großen Welt. In seiner Erinnerung war dieser Bahnsteig erfüllt von Kindergeschrei, Abschieds- und Freudentränen, Lachen und Weinen, Umarmungen und Küssen. Wunderschöne Momente hatte er hier miterlebt, aber auch traurige: Eine Trennung im Streit oder ein allzu kühles Wiedersehen. Menschen waren ihm vertraut geworden über die Jahre, andere hatte er vielleicht nur einmal im Leben gesehen, doch sie alle hatten ihm blind ihr Leben anvertraut. 

Und dann war da natürlich Eva. Eva, die hier, an diesem Bahnsteig, in seinen Zug und damit in sein Leben eingestiegen war. Eva, die so viele Jahre seine liebevolle, wundervolle, einzigartige Frau gewesen war. Eva, die ihm nun schon vor Jahren vorausgegangen war, auf dem letzten Weg, den auch er noch zu gehen hatte, bald, sehr bald.

Er ließ den Blick schweifen über die mondbeschienenen Gräser, die die Schienen überwucherten, so dass diese kaum noch zu sehen waren. Bäume und Büsche streckten vorwitzig ihre Äste ins Gleis. Eine Maus überquerte die Schienen. Ein größeres Tier – Fuchs? Katze? – huschte durch die Schatten. Die Natur holte sich ihren Raum zurück. Ein anderes Leben war es nun, und dennoch: Auch dieser verlassene Bahnhof war voll davon, war alles andere als tot, hatte eine Zukunft, eine Zukunft ohne den Menschen. 

Klaus horchte auf. Fingen nicht die Schienen an zu summen, als würde sich ein Zug nähern? Hörte er nicht das Pfeifen in der Ferne, näher kommend, an jedem unbeschrankten Bahnübergang? Ganz leise, durch die Zeit hindurch, vernahm er das Echo des Vergangenen. Das Lachen, das Weinen, die Abschieds- und Freudentränen, das Kindergeschrei, das Geschnatter der Schulklassen, leise, ganz leise, durch die Zeit hindurch, das vergangene Leben, sein Leben. 

Mühsam zog er die Füße hoch, um nicht vom Zug erfasst zu werden. Erwartungsvoll blickte er die Schienen entlang. Ja, da kam er. Der gute alte rote Schienenbus. Und gleich an der ersten Tür stand sie: Seine Eva. Der Zug hielt. Sie öffnete die Tür. Ein helles, strahlendes, warmes Licht erfasste Klaus. Er stand auf, der Rollstuhl war vergessen. Lächelnd, freudig, beschwingt stieg er ein. Sitzlehnen umklappen, Türen schließen, Abfahrt. Hinaus, über das Ende des Gleises und weiter.

Erst drei Tage später fand eine Fahrlehrerin den alten Lokführer Klaus am Bahnsteig des verlassenen Bahnhofs. Der Bestatter meinte, selten habe er einen Toten mit einem derart glücklichen Lächeln gesehen.

 

Geschrieben für den Geschichtenwettbewerb der Deutschen Bahn in Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung.

Beim Schreiben hatte ich den oben abgebildeten Bahnhof Windsbach und die Strecke nach Wicklesgreuth vor Augen, wohl wissend, dass diese Strecke nach wie vor in Betrieb ist. Zu dieser Strecke gibt es gleich zwei Websites:

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Kommentare

Hut ab!

Sehr schöne Geschichte die du da eingereicht hast, die Konkurrenz ist größer als ich dachte :)