Suna

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Es kommt selten vor, dass ich ein Buch ein zweites Mal lese. Suna von Pia Ziefle gehört dazu. Es kommt auch selten vor, dass ich mich in den 17 Minuten, die ich morgens im Stadtbus sitze, so sehr in ein Buch vertiefe, dass ich völlig überrascht und auch leicht enttäuscht (kann nicht weiterlesen!) an der Endhaltestelle ankomme. Suna von Pia Ziefle gehört dazu.

Es ist die Familiengeschichte einer Frau, die von Deutschen adoptiert wurde. Der echte Vater türkisch, die echte Mutter „restjugoslawisch“. Die Geschichte einer Frau, die sich auf die Suche macht nach ihren Wurzeln.

Schon die Sprache des Buches hat mich in ihren Bann gezogen. Ich vermag nicht zu sagen, was genau es ist. Aber ich habe das Gefühl: Hier sitzt jedes Wort, die Satzlänge, der Rhythmus. Poesie, die durch die Prosa hindurchscheint. Und diese Poesie in der Prosa, sie vermittelt ein Grundgefühl, für das ich lange kein Wort fand, bis ich es beim zweiten Lesen im Buch selbst entdeckt habe: Lebensdurchtrauert. Was für eine Beschreibung des eigenen Lebensgefühls der Adoptiveltern der Protagonistin:

Weil man sein Herz mit einer Burgtür versehen hat, damit nichts heraustropft von der Einsamkeit darin, und vergessen hat, dass auf diese Weise auch keiner hineinkann, auch ein Kind nicht, und schon gar nicht eins, das die feinen Pastellfarben der Traumzimmerchen mit Wachsmalstiften übermalt und zarte Vorhangstoffe zerschneidet mit Scheren und Messern, aus unerklärlichem Zorn.

Es ist die Geschichte der Adoptivtochter der hier beschriebenen Menschen – und doch die Geschichte aller Menschen, die in diesem Leben eine Rolle spielten und spielen.

Viel Trauer, viel Leid, mancher Tod, mancher Krieg durchziehen das Buch wie ein roter Faden. Mütter, die ihre Kinder weggeben, weil sie wissen: Dort wird mein Kind es besser haben. Väter, die jahrzehntelang um ein Kind trauern, bevor sie erfahren, dass es lebt. Menschen, die am Tod ihres geliebten Partners zerbrechen.

Die Menschen, die in „Suna“ beschrieben werden, sind für mich lebendig geworden wie selten in einem Buch. Ihre Gedanken, ihre Gefühlswelt, all das, was sie bewegt, das Leben, in dem sie manchmal auch gefangen sind, der Trotz, mit dem sie manchmal dem Leben doch noch eine schöne Seite abgewinnen: Es ist in sich stimmig, nachvollziehbar, kann gar nicht anders sein.

Ein wenig verworren ist die Erzählung, das wohl. Wie sollte es sonst sein, wenn eine Mutter ihrem kleinen Kind diese große Familiengeschichte eröffnet. Wenn sie von einer Person zur nächsten assoziiert. Wenn sie in den Jahrzehnten hin- und herspringt bis hin zur Gegenwart und in die nahe Zukunft, wenn sich manchmal sogar Erlebnisse von Mutter und Tochter vermischen wie die Erinnerungen an einen Krieg, welchen auch immer.

Oft habe ich schon gelesen, es sei fast unmöglich, alle Familienzusammenhänge in diesem Buch nachzuvollziehen. Ja, das stimmt. Darum gibt es auch in den neueren Ausgaben des Buches einen Stammbaum. Ich habe ihn nicht einmal angesehen. Selbst bin ich ja einer, der schon bei Verwandtschaftsverhältnissen zweiten Grades kapituliert: Was ist ein Cousin nochmal? Sogar bei „Tante“ muss ich einen Moment überlegen. Darum habe ich das Buch in dieser Hinsicht einfach gelesen, wie ich ein englischsprachiges Buch lese: Ich muss nicht jedes einzelne Wort oder jede einzelne Verwandtschaftsbeziehung verstehen. Der große Zusammenhang wird auch so klar. Ja, er ist mir beim zweiten Lesen vielleicht noch klarer geworden, als ich konsequent darauf verzichtet habe, es verstandesmäßig erfassen zu wollen. Vielleicht wurde mir dadurch sogar noch deutlicher, wie sich das Leben der „restjugoslawischen“ Mutter, des türkischen Vaters, der (sehr) deutschen Adoptiveltern und aller Menschen darum herum verbinden. Wie sie alle gemeinsam die Wurzeln des Lebens bilden, das die Protagonistin führt. Wie sich am Ende, lang verleugnet und weggeschoben, Neues ergibt. Hoffnung. Geborgenheit. Familie.

Ich glaube: Ich werde Suna irgendwann noch mindestens ein drittes Mal lesen.

Mindestens sieben von fünf Kuschelpunkten.

 

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 

Pia Ziefle: Suna

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, Ullstein Hardcover ISBN 978-3550088926, 18,- €
Taschenbuch: 304 Seiten, List Taschenbuch ISBN-13: 978-3548611655, 9,90 €
E-Book 8,99 €

http://www.piaziefle.de/

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