Otherland - Stadt der goldenen Schatten

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Mein Kollege Alexander Ebel ist Schuld. In seinen „zehn Büchern“, die er für besonders lesenswert hielt, empfahl er ganz besonders Otherland von Tad Williams. Und da ich viel auf sein Urteil gebe, habe ich dieses Buch auch prompt gekauft und gelesen.

Leider, leider gibt es die deutsche Ausgabe nicht als eBook – dabei wäre das bei knapp 1000 Seiten wirklich eine Wohltat. Die Taschenbuch-Ausgabe, die ich mir zulegte, ist doch recht klein gedruckt, das Hardcover aber auch ganz schön teuer. Besonders abends im Bett fiel es mir doch manchmal recht schwer, weiterzulesen. Allen, die ähnliche Probleme befürchten, empfehle ich, die Anschaffung des Hardcovers oder vielleicht auch des englischsprachigen eBooks zumindest in Erwägung zu ziehen. Update 6.4.2016: Es gibt die Bücher nun auch als deutsches E-Book!

Der Inhalt ist durchaus faszinierend: Die Welt in nicht allzu ferner Zukunft ist in einem Maß vernetzt, das wir ins kaum vorstellen können. Die Grenzen zwischen virtueller Realität und dem „Real life“ verschwimmen zusehends. Menschen legen sich „Sims“ zu, gehen in virtuelle Einkaufsmärkte, Clubs oder wohin auch immer. Treffen sich mit anderen, die im realen Leben Tausende von Kilometern entfernt sind. Leben in Spielwelten – der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Immer deutlicher wird im Lauf des ersten Bandes, dass im Hintergrund offenbar eine noch viel leistungsfähigere Welt existiert, über Jahrzehnte mit einem immensen finanziellen und technischen Aufwand aufgebaut von den reichsten und mächtigsten Menschen der Welt. „Otherland“ oder „Anderland“ heißt diese virtuelle Realität, die so perfekt simuliert ist, dass sie sich praktisch nicht mehr von der echten Welt unterscheidet. Doch irgend ein Geheimnis umgibt dieses Otherland. Ihre Besitzer verteidigen es mit allen Mitteln, schrecken auch vor Morden und Anschlägen im echten Leben nicht zurück. Außerdem fallen weltweit junge Menschen plötzlich in ein unerklärliches Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachen. Renie, eine junge südafrikanische Dozentin, macht sich zusammen mit einigen Freunden auf, ihren ebenfalls im Koma liegenden jüngeren Bruder aus diesem Otherland zu befreien.

Die Geschichte ist hoch komplex. Viele Erzählstränge, die ich hier gar nicht alle erwähnen will, greifen ineinander, manche davon auch auf überraschende Weise. Die Personen sind ungewöhnlich präsent und farbig, haben ihre jeweils eigene Lebensgeschichte, ihre eigene Motivation und handeln auch danach. Man spürt, wie gerne Tad Williams erzählt. Bis in kleine Details beschreibt er viele Situationen, ohne dass es wirklich langweilig wird, vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas langatmig. Dadurch, dass ein Großteil der Erzählung in virtuellen Realitäten spielt, kann er auch ganz unterschiedliche Welten kreieren: Eine Steinzeitwelt mit Neandertalern. Eine Mars-Siedlung. Die Welt der Maya, wie sie heute wäre, hätten nicht die Europäer Amerika entdeckt und erobert.

Jedes Kapitel beginnt übrigens mit einer kleinen Meldung aus der „echten Welt“ zur Handlungszeit der Erzählung. Tad Williams zeichnet hier mit ganz wenigen Worten ein düsteres Bild von unserer Zukunft, das aber sehr plausibel auf unserer heutigen Geschichte aufbaut – und an manchen Stellen fast prophetisch anmutet. Wer hätte es 1996, als Williams den ersten Band schrieb, für möglich gehalten, dass wir eines Tages „live“-Enthauptungen im Netz betrachten könnten? Hier findet sie im „Freistaat Rotes Meer“ statt. Gar nicht so weit entfernt von unserem leider weniger virtuellen heutigen IS.

Die Geschichte braucht lange, bis sie wirklich Fahrt aufnimmt, allen spannenden Einzelerzählungen zum Trotz. Erst etwa in der Mitte des ersten Buches kommt „Otherland“ zum ersten Mal wirklich vor. Dort begann es für mich auch spannender zu werden. Und der Schluss des ersten Bandes war in mancher Hinsicht wirklich eine Überraschung.

Eine sehr ausführliche, ja fast ausufernde Geschichte. Das erste Buch hört einfach irgendwann auf – die Geschichte geht weiter. Vier Bände sind es, also grob gesagt 4000 klein bedruckte Seiten. Tad Williams schreibt im Vorwort zum zweiten Band, anders wäre es nicht möglich gewesen, und wir sollten froh sein, dass er immerhin darauf geachtet hat, den nächsten Band nicht mitten im Satz anfangen zu lassen (Witzbold).

„Otherland ist der Herr der Ringe des 21. Jahrhunderts“, wird die Rezension des Deutschlandfunks zitiert. Nein, ich glaube: Das ist es nicht. Die Sprache ist bei weitem nicht so poetisch, die Geschichte verworrener. Aber ähnlich umfangreich ist es, das auf jeden Fall.

Ich war mir lange nicht sicher, ob ich Band 2 auch kaufen und lesen werde. Doch am Schluss wollte ich dann doch wissen, wie es weitergeht. Habe mir jetzt das englische eBook und das deutsche Taschenbuch besorgt, aber schon gemerkt, dass diese ausufernde Erzählung mich auf Englisch doch recht anstrengen würde. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Und ob ich mir Band 3 wirklich auch noch kaufen werde.

Ich finde: Wer Science Fiction oder auch Fantasy mag, sollte sich diesen Schinken wirklich mal antun. Fünf Kuschelpunkte mag ich nicht vergeben, aber vier ist es auf jeden Fall wert. Vielleicht ändere ich meine Meinung noch nach oben. Habe ja noch ein paar tausend Seiten Zeit dafür.

Kuschelpunkte: 

4

Buchinformationen: 

Tad Williams: Otherland. Stadt der goldenen Schatten (Band 1) 

Gebundene Ausgabe: 919 Seiten Verlag: Klett-Cotta  7. Auflage 2004, ISBN: 978-3608934212, 26,95 €

Taschenbuch: 992 Seiten, Verlag: Heyne; ISBN: 978-3453530751, 9,95 €

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