Ernsthafte Politik erst im Jenseits?

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Ein Schild "Fußgänger- und Radweg" ragt aus den Fluten.

Gerade geht ein Zitat von Armin Laschet durch die sozialen Medien, das mich sehr beschäftigt. Denn es zeigt, wie unterschiedlich auch wir Christinnen und Christen unseren Glauben und unser Leben hier auf der Welt sehen können. Und ja, er hat es wirklich gesagt, zumindest habe ich mehrere Belege dafür gefunden:

Wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will.

Armin Laschet, Quelle: idea.de

Lieber Herr Laschet, ich möchte Ihnen da ganz vehement widersprechen und verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, warum Sie mit so einer Einstellung überhaupt in der Politik gelandet sind.

Der alte Vorwurf von Karl Marx, Religion sei ja nur „Opium des Volkes“, greift hier wirklich: Wenn wir unseren Glauben nur als eine Vertröstung auf ein besseres Jenseits verstehen, dann brauchen wir hier auf dieser Welt nichts anzupacken, nichts zu verändern. Dann lassen wir alles so, wie es ist, Gott wird sich schon darum kümmern.

Jesus jedenfalls hat nicht alles so gelassen, wie es ist. Er hat überall, wo er war, dafür gesorgt, dass es den Menschen besser geht. Er hat geheilt, er hat um den richtigen Weg gestritten. Er hat die selig gesprochen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit.

Und: Er ist in der Bibel nicht allein. Ein großer Teil der alttestamentlichen Propheten tat nichts anderes, als „Recht und Gerechtigkeit“ einzufordern. Auch ihnen ging es nicht um irgend ein schönes Jenseits, sondern darum, jetzt und hier für die Menschen da zu sein. Das „Paradies auf Erden“ mag eine Utopie bleiben. Dennoch sollte es unsere dringlichste Aufgabe als Christinnen und Christen sein, alles dafür zu tun, um es zu verwirklichen. Auch, wenn wir natürlich die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod haben, dürfen wir darüber nicht das Leben auf dieser Erde vernachlässigen. Dietrich Bonhoeffer hat das mal als „das Vorletzte“ bezeichnet. „Wir leben im Vorletzten und glauben das Letzte.“ Viele, viele Bibelzitate könnte ich jetzt dazu aufführen. Von „Suchet der Stadt Bestes“ bis zum Schöpfungsauftrag, die Erde zu „bebauen und zu bewahren“.

Gerade geht es aber gar nicht mehr ums Paradies auf Erden. Es geht darum, die Hölle auf Erden zu verhindern oder wenigstens abzuschwächen, die wir uns selbst gemacht haben, trotz aller Warnungen der letzten 50 Jahre (eigentlich noch viel länger). Es geht darum, unseren Kindern und Enkeln und den nachfolgenden Generationen eine Welt zu hinterlassen, in der sie noch überleben können. Eine Jenseits-Hoffnung, wie Laschet sie hier propagiert, lenkt davon in geradezu sträflicher Weise ab. Ein Wohlfühlglaube nach dem Motto „Gott wird schon alles richten und es ist doch immer gut gegangen“ ist zu wenig für unsere Welt.

Erstens geht es gerade weltweit nicht gut. Nicht im Ahrtal, nicht in Kalifornien, Brasilien, Australien, in der Türkei und Griechenland, auch nicht in Sibirien und Grönland, wo gerade acht Milliarden Tonnen Eis am Tag schmelzen und die höchsten jemals gemessenen Temperaturen herrschen.   

Und zweitens ist es eben gerade unser Auftrag als Christinnen und Christen, das unsere dazu zu tun, damit Menschen auf dieser wunderbaren Welt gut und menschenwürdig leben können. Dazu gehört für mich noch viel mehr als der Klimaschutz, aber der ist gerade einfach unsere allerdringendste Aufgabe. Diese mit einem Verweis aufs Jenseits abzutun, halte ich weder für vernünftig noch für unserem Glauben angemessen.

Lieber Herr Laschet, ich versuche mal, Ihr Zitat und Ihre Worte aufzunehmen:

Wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders. Aus dem Glauben an die eigene Errettung wächst das Wissen um unseren Auftrag, diese Welt und die Menschen darin zu bewahren. Dafür arbeitet man mit allen zusammen, sogar mit Kommunisten, um bereits hier auf der Erde das Reich Gottes, das Paradies, für möglichst viele Menschen durchscheinen zu lassen. Eine dringendere Aufgabe haben wir auf dieser Erde nicht.

Ehrlich gesagt: So eine Aussage würde ich mir vom Kanzlerkandidaten einer Partei wünschen, die ein C im Namen trägt.

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Image by Hermann Traub from Pixabay

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