Ein Mann der Tat

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In der Kleinstadt North Bath fühlen sich die Menschen im Vergleich zum blühenden Nachbarort ziemlich abgehängt. Das Leben geht seinen Gang, man schlägt sich irgendwie durch, auch wenn hochfliegende Pläne immer wieder von irgendwelchen Unglücken zunichtegemacht werden.

Doch dann, an einem einzigen Wochenende, ändert sich alles: Polizeichef Douglas Raymer wird ohnmächtig, fällt in ein offenes Grab und verliert dabei den einzigen Beweis dafür, dass seine verstorbene Frau ihn betrogen hat. Die Mauer eines alten Hauses, das gerade zu einem großen neuen Projekt umgebaut werden soll, stürzt ein (siehe: hochfliegende Pläne …). Nach einem Stromausfall entweicht eine hochgiftige Schlange. Ein Bauunternehmer steht vor der Pleite. Und noch mehr von der Sorte.

Das hört sich nun nach ziemlich viel Action an, aber eigentlich ist die Stärke dieses Buches gerade etwas anderes: Es beschreibt die Gedankenwelt der Bewohnerinnen und Bewohner dieser verschlafenen Kleinstadt, die kaum Hoffnung haben auf Besserung ihres Lebens. Alle haben mit ihren jeweiligen Komplexen zu kämpfen, mit Minderwertigkeitsgefühlen, mit ihrem Hang, alle Probleme mit Gewalt zu lösen, mit ihrem beschränkten Verstand oder auch mit einer Liebesbeziehung, die eigentlich nicht sein dürfte. Die Personen in diesem Buch sind plastisch und überzeugend dargestellt. Ihre Motivation und ihre jeweiligen Handlungen sind in sich verständlich, selbst bei dem Kriminellen, der nach seiner Exfrau nun zur Abwechslung mal die Schwiegermutter krankenhausreif prügelt.

Polizeichef Raymer sieht sich der Situation schon lange nicht mehr gewachsen, und dieses Wochenende bestärkt ihn in seinem Entschluss: Er will kündigen. Und zwar sofort. Vorher aber löst er wie im Vorbeigehen einige Fälle, wird vom Blitz getroffen, begeht selbst ein paar Straftaten und noch ein paar andere Dinge, denen ich hier nicht vorgreifen möchte.

Insgesamt ist das Buch ein erstaunlich detaillierter Einblick in die US-amerikanische Kleinstadtszene. Da, wo sich die Menschen wirklich abgehängt fühlen. Da, wo sie vermutlich mehrheitlich Trump wählen. Es ist fast so etwas wie eine soziologische Studie. Gleichzeitig ist es einfach ausgesprochen schräg, was hier geschieht. Tragisch und komisch zugleich. Ein großer Lesegenuss, der mir eine mir sehr fremde Welt viel nähergebracht hat. 

Dass dieses Buch die Fortsetzung von „ein grundzufriedener Mann“ (Nobody's fool) ist, wusste ich nicht, als ich es gelesen habe. Ich habe nichts vermisst. Richard Russo ist also auch noch das Kunststück gelungen, nichts aus dem Vorgängerband als bekannt vorauszusetzen. 

Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und habe mir den „grundzufriedenen Mann“ auch schon gekauft. Jetzt bin ich gespannt auf die Vorgeschichte …

 

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 

Richard Russo: Ein Mann der Tat (Everybody‘s fool), deutsch von Monika Köpfer.

  • Gebundene Ausgabe, 688 Seiten, DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, 2017. ISBN 978-3-8321-9842.8, 26,- €
  • Taschenbuch: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, 2018. ISBN 978-3-8321-6449-2, 16,- €
  • E-Book: 11,99 € 

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