Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert

Autor/in: 

Stichworte: 

buchhandel.de

Auf dieses Buch bin ich aufmerksam geworden durch eine Meldung, die AfD wolle es verbieten. Genauer gesagt: Beatrix von Storch wollte gerichtlich gegen eine Aussage im Buch vorgehen und den Verkauf stoppen lassen. Na, dann doch schnell zugegriffen – mir schien das ja eher ein Qualitätsmerkmal zu sein.

Den Kauf habe ich nicht bereut, im Gegenteil: Dr. Melanie Amann, die sich im Auftrag des SPIEGEL seit der Parteigründung mit der AfD auseinandersetzt und eine Menge Interna und auch die Protagonisten persönlich kennt, zeichnet eine ausführliche und detailliert recherchierte Geschichte der Partei und ihrer Funktionäre. Sie zeichnet im Detail die Entwicklung der Partei und ihre zunehmende Radikalisierung und Entwicklung zum Rechtspopulismus nach. Sie beschreibt die internen Machtkämpfe und auch die persönlichen (oft auch finanziellen) Hintergründe der Parteifunktionäre, teilweise auch ihre (vermutete) Motivation zum Engagement in dieser Partei. 

Melanie Amann nennt Namen, stellt Zusammenhänge her, sie zeigt, wie die AfD mit Ängsten Stimmung macht. Sie kritisiert auch die, nun ja, „kreativen“ Parteifinanzierungsmethoden, die eigentlich in vielen Punkten jenseits der Legalität stehen. Sie fragt nach den Quellen von Millionenbeträgen, die nicht richtig ausgewiesen wurden. 

Das Buch ist kein neutraler Bericht, im Gegenteil: Sehr engagiert nimmt Frau Amann Stellung. Sie wertet Aussagen, Trends, Methoden der AfD. Dadurch wird das Buch zu einer hervorragenden Argumentationshilfe für alle, die sich gegen die AfD stellen. Es wird deutlich, dass viele, die möglicherweise in der Anfangszeit der gemäßigten Anti-Euro-Partei Mitglieder oder zumindest Sympathisanten wurden, heute in der radikalisierten rechtspopulistischen Bewegung fehl am Platz sind – selbst, wenn sie das nicht wahr haben wollen.

Dennoch ist Amanns Haltung nicht komplett anti-AfD: Pointiert zeigt sie auf, wo diese neue Bewegung tatsächlich Schwachpunkte der aktuellen Politik aufgreift. Gegen Ende des Buches stellt sie sich der Frage: Wie können wir uns möglichst erfolgreich mit der AfD auseinandersetzen? Und dazu gehört auch, dass die Politik insgesamt wieder diskussionsfreudiger wird. Dass Ängste und Gegenargumente zu hören und nicht einfach abzukanzeln sind. 

„Das bedeutet in der Praxis als erstes, sich nicht wegzuducken, sondern den Streit mit den Rechtspopulisten zu suchen und auch auszuhalten. Wer der AfD Intoleranz vorwirft, muss Vertreter dieser Partei auch in Diskussionsrunden tolerieren.“

Im vorletzten Teil ihres Buches gibt Amann Hinweise, wie man der AfD beikommen könnte. Hartnäckiges Nachfragen gehört dazu, wie eine Aussage gemeint sein könnte – so kommen dann Aussagen zustande wie jene im Interview mit dem Mannheimer Morgen, dass zur Not auch Schusswaffengebrauch gegen Frauen und Kinder an der Grenze denkbar seien. 

„Petry sagte später, die Zeitung habe sie in eine Falle gelockt. Tatsächlich hatte man sie nur gezwungen ihre politischen Forderungen der Realität zu stellen, sie bis zum Ernstfall durchzudeklinieren.“

Recht hat sie meines Erachtens auch in der Kritik an der (eher nicht vorhandenen) Social-Media-Strategie aller anderen Parteien. Hier hat die AfD eine eigene Gegenwirklichkeit entwickelt. Sie braucht die üblichen Medien gar nicht mehr, sondern hat ihre eigenen Kanäle im Internet, über die Parteipropaganda ungefiltert zu den Menschen kommt.

Im letzten Kapitel wagt sie einen fundierten Ausblick auf die Zukunft aus ihrer Warte von Anfang Januar 2017: Wird die AfD wieder verschwinden? Wird sie Protestwähler wieder verlieren? Kann sich Frauke Petry halten? Aber auch: Was sind die positiven Effekte der AfD? Und: Woran könnte die AfD scheitern?

Gerade unter der letzteren Überschrift finde ich eine sehr spannende Überlegung: Sie könnte nämlich gerade an den Kirchen, Gewerkschaften und anderen Organisationen scheitern.

„Die AfD nährt sich von negativen Emotionen wie Angst, Zorn und Enttäuschung. Deshalb greift die Partei gezielt Kirchen, Gewerkschaften oder wohltätige Organisationen an: Sie kann nicht gedeihen in dem positiven Gemeinschaftsgefühl, das diese vermitteln. Der Erfolg der AfD wird den zivilgesellschaftlichen Institutionen noch manche Krise bescheren – ohne dass die Partei einen sinnstiftenden Ersatz zu bieten hätte.“

Insgesamt kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der sich mit der AfD auseinandersetzen will, und zwar „Freund“ und „Feind“ gleichermaßen. Diejenigen, die der AfD eher positiv gegenüberstehen, werden das Buch vermutlich als fürchterliche Stimmungsmache abtun; auch viele negative Kommentare auf Amazon gehen ja in diese Richtung. Doch manchen, insbesondere den Mitgliedern aus der Anfangszeit, mag vielleicht klar werden: Diese AfD ist schon lange nicht mehr die, auf die sie am Anfang hofften, und wird sich vermutlich noch weiter radikalisieren.

Für mich ist noch deutlicher geworden, was ich schon lange sage: Für Christen ist diese Partei meines Erachtens nicht wählbar. Gerade heute, da ich dies schreibe, scheint sich da ja auch manches zu klären, denn die Kirchen in Köln rufen unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ öffentlich zum Protest gegen den AfD-Parteitag auf, während auf der anderen Seite AfD-Funktionäre bekanntgeben, aus der Kirche ausgetreten zu sein oder es vorzuhaben. Gut, wenn sich hier Fronten klären. Auch dazu kann dieses Buch beitragen. Lesen! 

 

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 

Melanie Amann: Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert, broschiert, 320 Seiten, Droemer Verlag. ISBN 978-3-4262-7723-2, 16,99 €

E-Book (derzeit nicht erhältlich) 14,99 €

Lizenz: 

Creative Commons Licence