Rossmarkt

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Mehr durch Zufall – über einen Post in der Schweinfurt-Facebook-Gruppe – bin ich auf ein Buch eines Schweinfurter Autors gestoßen und habe es aus Neugier natürlich sofort gelesen.

„Rossmarkt“ (so heißt der zentrale Platz in Schweinfurt) erzählt einen Abschnitt aus dem Leben von Sebastian Weinhold und beleuchtet gleichzeitig die Personen, denen er mehr oder weniger regelmäßig begegnet oder deren Leben völlig zufällig mit seinem eigenen schicksalhaft verbunden sind.

Es ist ein Buch, das schonungslos die Abgründe menschlichen Lebens aufzeigt. Partnerschaften, Ehen gehen auseinander. Menschen versagen und verzweifeln. Sie ertränken ihr Leben in Alkohol, Drogen und manchmal auch Gewalt. Selbst der Tod kommt fast wie beiläufig vorbei, zufällig und doch vorhergeahnt und konsequent.

In wenigen Sätzen, fast holzschnittartig und doch nachvollziehbar, zeigt Joachim Engel in Rückblenden, wie die Hauptpersonen in ihre jeweilige Lage kamen. Vertreibungen und Heimatlosigkeit als Russlanddeutscher. Die Türkin, die mit ihrer traditionellen Familie gebrochen hat. Die von ihren Eltern unverstandenen, alleingelassenen Kinder. Joachim Engel, im Hauptberuf Polizist, weiß offensichtlich, wovon er schreibt. Er kennt solche Schicksale aus erster Hand. Ich hätte mir etwas mehr positive Momente gewünscht statt all dieser Gebrochenheit, des Versagens, des Scheiterns. Aber vermutlich muss der Blick eines Polizisten, der täglich mit dem zu tun hat, was im Leben anderer zerbrochen ist, so sein.

Dass „Rossmarkt“ in Schweinfurt und Umgebung spielt, ist für die Handlung nahezu irrelevant. Wer sich hier auskennt, kennt natürlich die beschriebenen Orte. Wie es Nicht-Schweinfurtern damit geht, kann ich schwer beurteilen. Lediglich bei der Szene im Schießhaus, die ständig von den Durchsagen unterbrochen wurde, dachte ich mir: „Ja, genau so ist es. Und genau so läuft ein ernstes Gespräch in dieser Umgebung ab.“

„Rossmarkt“ ist im BoD-Verlag erschienen, wie übrigens auch meine Bücher. Das heißt: Der Autor verantwortet alles selbst. Leider muss ich sagen: Ein Lektorat hätte diesem Buch sehr gut getan. Neben etlichen Kommafehlern und einigen Schreibfehlern, die die automatische Rechtschreibprüfung nicht entdecken kann, sind es auch die oft sehr verschachtelten, manchmal auch etwas hölzernen Sätze, die das Lesen beeinträchtigen. Schade finde ich auch, dass manche der handelnden Personen sehr blass bleiben. Warum kommt erst kurz vor Ende eine neue Figur ins Spiel, die dann doch so wesentlich sein wird für den Schluss? Hätte es nicht einfach eine von den anderen, besser eingeführten sein können? Andererseits: So ist das Leben manchmal. Voller Zufälle und voller Unbekanntem. Vielleicht war genau das auch die Absicht des Autors.

Wegen dieser Einschränkungen wollte ich dem Buch zunächst drei von fünf Kuschelpunkten geben. Aber ich stelle fest: Es beschäftigt mich mehr, als ich gedacht hatte. Immer noch bin ich in Gedanken bei Sebastian und den anderen. Darum, trotz aller Kritikpunkte: Vier von fünf Kuschelpunkten.

Kuschelpunkte: 

4

Buchinformationen: 

Engel, Joachim: Rossmarkt. Taschenbuch, 164 Seiten, Verlag: Books on Demand; ISBN-13: 978-3-7357-7525-2, 15,90 €

E-Book: 9,49 €

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