Mein verpasster Mauerfall

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Vor 25 Jahren, im Jahr 1989, hatte ich gerade mein Abitur hinter mir und als Zivi in einer Behinderteineinrichtung in Neuendettelsau begonnen. So ein Zivildienstleistender hatte damals zwei Lehrgänge zu absolvieren.

Der eine, richtig gut angeblich, fachbezogen und im wunderschönen Wildbad Rothenburg stattfindend, ging leider wegen irgend eines blöden Verwaltungsfehlers an mir vorbei. Ich war einfach von der Liste gefallen. Ich kann mich heute noch erinnern, wie meine Gruppenleiterin das bedauerte und auf die Verwaltung schimpfte, denn alle schwärmten wohl von diesem inhaltlich hervorragenden Kurs in einer fantastischen Umgebung.

Dafür durfte ich aber den Kurs „Staatsbürgerkunde“ oder so ähnlich besuchen. In Leutkirch im Allgäu. Ungefähr sieben (!) Mal umsteigen mit der Bahn. (bahn.de spuckt mir auch jetzt noch Verbindungen mit zwischen 3 und 8 Mal umsteigen aus. Aber ich bekam den ICE-Zuschlag – weniger umsteigen – nicht ersetzt, musste also die 8 nehmen.)

Da saßen wir dann in einem ziemlich inspirationsfreien Tagungshaus (ich erinnere mich jedenfalls an nichts mehr, was dieses Haus irgendwie zu etwas Besonderem gemacht hätte) und hörten uns an, was unser ebenfalls ziemlich inspirationsfreier Referent von sich gab. Es war Montag, der 6. November 1989. In einem Nebensatz meinte er ungefähr am Mittwoch, vielleicht auch am Donnerstag, dem 9.11.: „Schaut heute mal die Nachrichten, da geht wirklich was Interessantes vor sich.“ Was wir natürlich nicht taten. Stattdessen ließen wir weiter seine Ausführungen über das Schulsystem der DDR (wirklich, kein Witz!) über uns ergehen und schütteten uns abends mit Bier zu, um diesen Kurs irgendwie ertragen zu können.

Als ich Freitag abend nach Hause kam, war die Mauer offen. Und irgendwie hatte ich es verpasst. Jedes Jahr war ich mit meinen Eltern die Transitstrecke nach Westberlin gefahren, für einen Tag nach Ostberlin gegangen, hatte unsere Verwandten dort besucht. Das irgendwie mulmige Gefühl „Jetzt bloß nichts falsch machen!“ hatte sich in mir festgesogen. Und dann – war alles weg, und ich war nicht dabei gewesen.

Bis heute fühle ich mich von diesem Referenten um einen der bedeutendsten Tage meines Lebens betrogen.

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