Wir sind eine Welt!

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Mein Schwiegervater stammt aus dem Sudetenland. 16 Jahre war er alt, als er mit seiner Familie aus der Heimat vertrieben wurde, nichts durften sie mitnehmen außer das, was sie selbst tragen konnten. Und wer sich umdrehte und zurückschaute, wurde erschossen. Diese Erlebnisse haben ihn geprägt für sein Leben. Wer so etwas erlebt hat, kann nicht mehr vollkommen vertrauen. Wer so etwas erlebt hat, kann keine Heimatgefühle mehr empfinden, für keinen anderen Ort. Wer so etwas erlebt hat, kann keine Wurzeln mehr schlagen. Immer bezeichnete er den Ort, wo er gerade wohnte, als seine „Bleibe“, nicht als seine Heimat. Und wo er alles eine Bleibe gefunden hat: Durch halb Deutschland ist er im Laufe seines Lebens gezogen, nirgends blieb er länger als ein paar Jahre. Erst vier Tage vor seinem Tod, als er zum letzten Mal aus dem Krankenhaus zurückkam, sagte er: „Jetzt bin ich daheim. Jetzt wird alles gut.“

Heimat: Das war es, was er suchte und doch nirgends fand. Manchmal wurde die Verbundenheit mit der alten Heimat spürbar, wenn er seine Lieder sang oder leise Gedichte in seinem schönen Dialekt sagte, die er noch von seiner Mutter kannte. Wenn er wildfremde Menschen auf Tschechisch ansprach, weil er meinte, sie könnten aus seiner Heimat stammen.

Er hat es sich gewünscht und hatte vielleicht doch zu viel Angst davor, diese Heimat einmal wiederzusehen. Seine Wurzeln näher kennenzulernen. Mit der Bahn von Olmütz nach Großwasser zu fahren, das noch erhaltene Großelternhaus im Wald mit dem Brunnen davor und dem in den Stein gehauenen Keller zu sehen. Die Füße in der Faltritz zu baden, über die Waldwege zu gehen und die gute Luft zu riechen. Vielleicht die tschechischen Verwandten zu finden. Doch seine Heimat war verloren für ihn, und er kam nicht zurück.

Sein Leben lang blieb er auf der Suche. Sein Leben lang versuchte er, diese Geschehnisse irgendwie zu verarbeiten. Sein Leben lang blieb er misstrauisch, konnte niemandem jemals völlig vertrauen. 

Völlig logisch, dass sich manches davon auf seine Kinder übertragen hat, die mit diesem Vater groß geworden sind. Natürlich sind sie anders als er, aber auch sie hatten auf ihre Art unter diesen Geschehnissen zu leiden, die lange vor ihrer Geburt stattgefunden hatten.

Völlig logisch, dass sich manches davon auch auf seine acht Enkel übertragen hat, weil ein Elternteil diese Geschichte mit sich herumtrug. Der erste Urenkel ist noch zu klein, um etwas darüber zu sagen, doch ich bin mir sicher: In stark abgeschwächter Form wird auch ihn das noch ein bisschen prägen, was da weit über ein halbes Jahrhundert vor seiner Geburt mit seinem Uropa geschehen ist.

Manchmal denke ich an die alttestamentliche Vorstellung von einem strafenden Gott, wie Mose es in 2. Mose 34,6f. formuliert: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“ Vielleicht ist es gar nicht Gott, der uns da heimsucht. Vielleicht sind es einfach nur die Erinnerungen an schwere, ja schwerste Zeiten, die sich selbst weiterreichen von einer Generation zur anderen. 

Mein Schwiegervater hatte „nur“ eine Vertreibung zu bewältigen. Sein Elternhaus war intakt, nicht zerbombt. Er hatte nicht in einer völlig zerstörten Stadt auszuharren versucht. Er hatte „nur“ erleben müssen, wie aus vermeintlichen Freunden plötzlich und unvermittelt erbitterte Feinde wurden. 

Millionen von Menschen sind auf der Flucht in diesen Tagen. Was sie schon erlebt haben, können wir nicht mehr ungeschehen machen. Wir können die Bomben auf ihre Häuser nicht zurückhalten. Wir können ihre toten Ehepartner, Eltern, Kinder, Freunde und Verwandte nicht wieder zum Leben erwecken. Wir können auch die verbrannten Fotoalben, Tagebücher und Familienerbstücke nicht wieder zurückholen. Ihr Leben lang werden diese Menschen an dem Erlebten zu knabbern haben. Ihr Leben lang werden ihre Kinder, ihre Enkel, vielleicht noch ihre Ururenkel diese Erlebnisse verarbeiten, auf ihre jeweils eigene Art. 

Sicher werden manche leichter damit klarkommen als mein Schwiegervater, werden eine neue Heimat finden, werden neu vertrauen können. Sicher werden andere dafür völlig am Leben verzweifeln, irgendwann irgendwo verbittert und verarmt und fern der Heimat ihr freudloses Leben beenden. Manche, viele hoffe ich, werden eines Tages die Chance nutzen können, in ihr zerstörtes Land zurückzukehren, alles wieder aufzubauen, von vorne anzufangen.  So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Strategien, mit dem Erlebten umzugehen.

Das einzige, was wir, hier in einem der reichsten Länder der Welt, wirklich tun können, ist: Ihnen allen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Schutz bieten. Unterstützung geben. Um diesen Menschen und ihren Nachkommen eine Perspektive zu bieten. Wollen wir wirklich, dass unsere Welt noch in fünfzig Jahren und in der vierten Generation unter dem leidet, was sich im Augenblick hier abspielt?

Es ist zum Teil auch unsere Verantwortung, dass es überhaupt zu diesen Auseinandersetzungen gekommen ist. Oder die unserer Vorfahren, die Afrika in Kolonien aufteilten, es ausbeuteten, verarmen ließen und selbst dabei reich wurden. Die schließlich in großem Hochmut willkürlich Grenzen zogen, die bis heute bestehen und zu noch mehr Konflikten führen. Oder, zeitlich viel näher: Die sich als eine Art Weltpolizei in Krisengebiete einmischten in der Vorstellung, einfach mal eine Demokratie zu installieren und dann wieder abzuziehen – hat nicht so wirklich funktioniert, würde ich sagen.

Kurz und überspitzt gesagt: Wir sind reich, weil die arm sind. Wir leben in Frieden, weil der Krieg bei denen stattfindet. Ja, das ist verkürzt, aber im Kern doch wahr. Nun holen uns die Dinge wieder ein. Peter Vonnahme, Asylrichter im Ruhestand, spricht in einem lesenswerten Artikel von den Vorboten einer Völkerwanderung. Die werden wir nicht aufhalten können, so wenig, wie wir einen Sonnenuntergang aufhalten können. Wir können nur dafür sorgen, dass die Menschen, die bei uns Hilfe suchen, Hilfe zum Leben finden, eine Auszeit von Hass und Bomben, Tod und täglicher Lebensgefahr. Wir können die Völkerwanderung nicht aufhalten, aber wir können sie menschenwürdig gestalten. 

Ich schäme mich zutiefst, dass ich fast jeden Tag von brennenden Flüchtlings- oder Asylbewerberwohnheim lesen muss, von Anfeindungen und Gewalt. Ich schäme mich auch, in Bayern zu leben, wo „meine“ Regierung in ganz besonders ekelhafter Weise Ressentiments gegen angebliche Asylbetrüger schürt. Wollen wir wirklich, dass unsere Welt noch in fünfzig Jahren und in der vierten Generation unter dem leidet, was sich im Augenblick hier abspielt?

Noch dazu, wo wir hier in Deutschland ja eigentlich froh sein können, dass junge, tatkräftige Menschen in unser überaltertes Land strömen. Ganze Stadtviertel stehen mehr oder weniger leer. Die Sozialsysteme stehen vor dem Zusammenbruch. Wir brauchen diese Menschen. Und sie brauchen uns, so schreibt es die ZEIT in einem ebenfalls lesenswerten Artikel. Das kleine italienische Dorf Riace hat es vorgemacht, wie das geht: Menschen ohne Häuser treffen auf Häuser ohne Menschen. Sie bleiben, sie renovieren, sie beleben die Gesellschaft. 

Wir brauchen sie, sie brauchen uns. Und ein Land, das im ersten Halbjahr mal eben einen Überschuss von 21 Milliarden Euro erwirtschaftet und sich Dinge leisten kann wie einen Flughafen, der ein paar Milliarden mehr kostet als geplant, ist wirklich in der Lage, diese Belastungen zu tragen.

Dass darunter ausgerechnet unsere Ärmsten zu leiden haben, ist eine von Nazis gerne verbreitete Legende. Unsere Sozialkassen halten das aus. Möglicherweise werden wir ein paar Kilometer Autobahn ein, zwei Jahre später bauen. Möglicherweise werden wir an der einen oder anderen Stelle unsere Ansprüche ein klein wenig zurückschrauben müssen. Vielleicht wird sogar mal, sagen wir, das Mehl für ein, zwei Tage in einem Supermarkt ausgehen, kein Vergleich zu den Schildern in der DDR „Heute keine Ware“. Natürlich gibt es unter den vielen, die zu uns kommen, nicht nur hundertprozentig moralisch einwandfreie Menschen, die gibt es auch bei uns nicht. Aber ich glaube, für eines der reichsten Länder der Welt kann es keinen höheren Anspruch geben als den: Menschen, die um ihr Leben fürchten, zu helfen.

Schade, dass gerade die, die angeblich angetreten sind, das christliche Abendland zu retten, nicht verstehen: Ohne dieses zutiefst menschliche, mitfühlende Eintreten für die Notleidenden ist unser ganzes Christentum nichts. Aber wenn wir die, die bei uns Schutz suchen, mit offenen Armen empfangen, dann prägen wir damit die Welt der Zukunft. So dass unsere und ihre Nachkommen vielleicht eines Tages nur noch den ersten Teil von Moses Ausruf kennen werden: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.“

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Kommentare

Wunderschön

Lieber Heiko

ein wunderschöner Text.

Ich könnte die Geschichte meiner Familie ergänzen.   Vater und Mutter waren noch Kinder (10 und 7) als Sie mit Ihren Eltern, Tanten etc aus dem Ost- Sudetenland  (nördlich Olmütz) Bezirk Troppau
vertrieben wurden und in Viehwaggons quer durchs Land in den Westen kamen.

Meine Eltern waren jung genug um hier mit Schule Ausbildung etc eine neue Heimat zu finden.
Die Großeltern aber und auch die noch lebende Großcousine (94) sprachen immer von zu Hause und meinte die alte Heimat.
 

Ich als erste Generation hier stelle für mich fest, ich fühle mich zwar hier im Taunus heimisch aber habe stets ein Problem mit Nationalität etc.
 

Gruß

Ralf

 

Wir sind eine Welt

Ja, ich kann gerne auf ein paar Kilometer Autobahn verzichten, wenn es um das Wohl Bedürftiger geht.

Dazu sollte man das vielleicht noch wissen:  Die Verlängerung der A100 in Berlin, mit mehr als 470 Millionen Euro für 3,2 Kilometer, ist  laut Ministerium das bisher teuerste Stück Autobahn, das in Deutschland entsteht.

Das nur als Beispiel wofür es sich lohnen würde zu warten.

Vor zig Jahren hatte ich mal eine wunderschöne Geschichte in dem amerikanischen Heftchen 'Guideposts' gelesen. In der Geschichte ging es um einen jungen Mann, ausgehungert und arbeitslos in der Zeit der Great Depression. Die Mutter des Hauses gab ihm an der Tür etwas vom Essensvorrat. Die Kinder waren verwundert, 'Mama, wir haben selbst nicht viel zu essen. Wieso gibst du ihm etwas?'

'Kinder, ich habe euch so lieb. Wenn ich wüsste, einer von euch irrt da draußen umher, auf der Suche nach Essen, ich würde dem Himmel danken, wenn eine fremde Mutter meinem hungrigen Kind etwas zu Essen gibt.'

Mein Beitrag zum Thema Nächstenliebe. Oder woran es bei einigen fehlt.

 

Zwei Seiten

"Natürlich gibt es unter den vielen, die zu uns kommen, nicht nur hundertprozentig moralisch einwandfreie Menschen, die gibt es auch bei uns nicht"

Bevor man noch mehr unkontrolliert hereinlässt sollte man allerdings klären wie mit denen umzugehen ist, die hierherkommen und unsere Kinder berauben und Frauen vergewaltigen.  Die, die überhaupt keinen Respekt vor unserer Kultur haben. Die gibt es nämlich auch, und leider nicht zu selten.

Das sind auch keine Einzelfälle mehr.  

Das muss auch auf den Tisch.

 

 

 

 

 

Respekt vor unserer Kultur

Für Menschen, die straffällig werden, haben wir unsere rechtsstaatlichen Strukturen. 

Respekt vor unserer Kultur haben meines Erachtens vor allem diejenigen nicht, die Flüchtlingsheime anzünden, auf Kinder urinieren und fremde Menschen zusammenschlagen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben.