Plötzlich bist du da - ein Elternbericht

Ein Elternbericht zum Schwerpunktthema "Frühchen-Väter" für das Magazin des Bundesverbandes "Das frühgeborene Kind" e.V. - Nr. 1-2014, 15.3.2014

„Ich glaub, es geht los!“ - Selbst beim vierten Kind ist dieser Satz alles andere als Routine. Nach langen Monaten des Wartens und mancher Quälerei meiner Frau mit dickem Bauch und so weiter ganz plötzlich – und natürlich immer kurz nach Mitternacht – dieser Moment, in dem das Warten ein Ende hat, in dem auf einmal alles ziemlich schnell geht und die Aufregung um die Geburt beginnt. Nur: Diesmal ist es doch noch viel zu früh! Der Geburtstermin ist doch noch lange hin! Was bedeutet das für unser Kind?  Ab welchem Alter kann ein Frühgeborenes eigentlich überleben? Wird da alles in Ordnung sein? Wird unser Kind Schäden davontragen?

Zum Glück sind die Großen schon groß genug, um sich auch mal allein fertig machen zu können für die Schule; unsere (noch) Jüngste hat gerade ihren 11. Geburtstag gefeiert. Noch ist aber gar nichts vorbereitet für den „Ernstfall“, der uns jetzt so plötzlich überfällt. Schnell einen Zettel geschrieben, sie mögen sich keine Sorgen machen, und ab ins Krankenhaus. Die ganze Nacht bleibe ich bei meiner Frau, wir hoffen, dass die Wehenhemmer wirken und unser Kind wenigstens noch vor der anstehenden Geburt die Wirkung der Lungenreife-Medikamente mitbekommt. Gegen Morgen fahre ich heim, schicke doch noch die Großen in die Schule. Beruhige sie. Schmiere Pausenbrote wie immer. Zum Glück stehen heute keine festen Termine an; mein Beruf ermöglicht es mir, meine Arbeitszeiten ziemlich frei einzuteilen. Also ein paar Stunden schlafen und Mittagessen machen für die Kinder. Als wir gerade sitzen, klingelt das Telefon: „Jetzt geht's aber wirklich los!“ 

Wenige Stunden später sitze ich in einer Kinder-Intensivstation vor einem Wärmebett. Darin: Ein erschreckend kleines, zartes Wesen, verkabelt, mit einer Kanüle im Handrücken. Ich erinnere mich an unsere erste Tochter, die auch nicht gerade groß war, aber doch immerhin 2500 Gramm wog, und mit der ich damals nach einem Kaiserschnitt auch ganz allein war. Für mich beide Male ein ganz besonderer, sehr intensiver Moment: Der erste, vorsichtige Kontakt. Diesmal noch vorsichtiger als damals. Durch die Öffnung in der Wand darf ich meine Tochter berühren. Ihre Hand umfasst meinen Finger. Schnell hole ich mein Handy heraus, um diesen bewegenden Augenblick auch für meine Frau festzuhalten, die noch auf der Geburtsstation liegt. Vergesse ganz, dass so ein Handy auf Intensiv vielleicht nicht so gerne gesehen ist. Ja, es ist das Bild, das nun als Titelbild auf meinem Buch zu sehen ist. Später filme ich noch eine Weile ihre kleinen Bewegungen, ihr Schnaufen, ihr leises Wimmern, damit ich's meiner Frau zeigen kann. Und stecke das Gerät dann doch bald wieder weg, weil sowieso kein Foto und kein Film den Zauber dieses Moments auch nur annähernd bewahren kann. Die ersten Minuten, ganz allein mit meiner neu geborenen Tochter. Sie wird sich nicht daran erinnern können, ich dagegen werde diese kurze Zeit nie vergessen.

Bald holt mich der geschäftige Ablauf eines Krankenhauses wieder ein. Informationsgespräch mit einer freundlichen Ärztin, während meine Frau immer noch in der Geburtsstation liegt. Die großen Geschwister anrufen. Freunde und Verwandte benachrichtigen. Und natürlich: Zu meiner Frau gehen. Ihr die Fotos und den Film zeigen, solange sie selbst noch nicht in die Intensivstation gehen kann.

Die nächsten Wochen wurden für uns in einer Weise anstrengend, die wir uns kaum vorstellen konnten. Zum Glück wohnen wir nicht weit vom Krankenhaus – 15 Minuten, dann sind wir da. Mindestens zwei Mal am Tag besuchten wir unsere Tochter, bleiben, solange es irgendwie geht. Wie gesagt: Ich kann meine Arbeit weitgehend selbst einteilen. Das bedeutete in diesem Fall leider auch: Ich hatte einige arbeitsintensive Termine extra in die Zeit vor dem Geburtstermin gelegt, um nachher etwas mehr Zeit zu haben. Die fielen jetzt natürlich genau in diese Wochen, die unsere Tochter auf der Intensivstation verbrachte. Gleichzeitig hatten wir ja noch die drei Großen zu Hause, die auch versorgt werden mussten und von denen die eine in dieser Zeit auch noch Konfirmation feierte. 

Unsere Besuche im Krankenhaus waren Ruhepunkte für mich, trotz aller Sorgen, die wir hatten. Ganz besonders genoss ich es, unsere kleine Tochter „füttern“ zu können, auch wenn das meist nur bedeutete, dass ich die Magensonde betätigte. Unsere drei älteren Kinder hatte meine Frau immer sehr lange gestillt: Eine Zeit, in der sie mir irgendwie nicht so nahe waren; das kam erst später, als ich ihnen auch die Flasche geben oder sie mit Brei füttern konnte. Ein Baby zu füttern, ist wohl eine der intensivsten Formen, in diesem Alter Kontakt aufzunehmen. Hier hatte ich meine Tochter gleich von Anfang an auf dem Arm, fütterte sie, mit Flasche und mit Magensonde. Momente, die ich sehr genoss, trotz der technischen Atmosphäre im Krankenhaus.

Von manchen Frühchen-Müttern habe ich Klagen gehört, die Väter hätten sich eher zurückgezogen aus dem Familienleben. Manche wollten ihr Frühchen-Kind kaum sehen, die Beziehung litt, zerbrach manchmal sogar. Ein wenig kann ich das sogar nachvollziehen: Es ist auch für die Väter eine sehr belastende Situation. Eine, in der es fast unmöglich erscheint, sinnvoll für die eigene Familie zu sorgen. Da möchte man so gerne irgend etwas tun und kann es doch nicht: Andere haben die Verantwortung, man selber kann so wenig beitragen für dieses winzige Wesen. 

Doch, etwas konnte ich beitragen: Ich sah es vor allem auch als meine Aufgabe an, Zuversicht und ein bisschen Fröhlichkeit zu verbreiten. Etwas Lachen tut gut, gerade in schwierigen Zeiten wie diesen. Auf die Kühltasche zum Transport der abgepumpten Muttermilch schrieb ich Sätze wie „Die rollende Milchflasche“, „Mamamilch auf Rädern“, „Die Tasche für die rasche Flasche“ und in der kleinen Vordertasche „Hier ist keine Milch drin“. Die manchmal etwas gedrückte Atmosphäre in der Frühchen-Station versuchte ich, mit Lächeln und freundlichen Worten aufzuhellen, egal, wie es mir selbst gerade ging. 

Für mich waren diese Wochen, die unsere Jüngste im Krankenhaus verbrachte, eine zwar ziemlich schlaflose und anstrengende, aber doch auch intensive Zeit, die uns als Familie sehr zusammenschweißte. Jeden Tag fuhren meine Frau und ich morgens und abends ins Krankenhaus. Nahmen ab und zu die großen Schwestern mit, für die unsere Jüngste von Anfang an ganz zur Familie dazugehörte, auch wenn sie noch nicht zu Hause sein konnte. Ja: An diesen schwierigen, belastenden Zeiten sind wir als Familie gewachsen.

Ich weiß nicht, woher ich neben all dem noch die Zeit nahm: Ab und zu setzte ich mich spät abends dann noch an den Computer und schrieb meine Gedanken und Gefühle auf, erst einmal nur für mich selbst. Später wurde daraus ein kleines Heftchen, das ich im Copyshop drucken ließ und meiner Frau zum Geburtstag schenkte. Der erste Text in diesem Buch beschreibt mit wenigen Worten diese ersten Minuten mit meiner Tochter, ganz allein mit ihr an ihrem Bettchen. Ich könnte schwören, ich hätte diesen Text gleich am ersten Abend geschrieben, denn der Moment an ihrem Bett war mir beim Schreiben noch so sehr präsent. In Wirklichkeit war schon eine Woche vergangen, als ich diese Worte aufschrieb.

Zum Abschied, fünf Wochen nach der Geburt, schenkten wir den Kinderkrankenschwestern unter anderem eine Kopie dieses Heftchens. Nur, weil diese so begeistert reagierten, wurde schließlich tatsächlich ein Buch daraus, das man nun wirklich im Buchhandel kaufen kann.

Nele ist nun fast drei Jahre alt. Davon, dass sie zu früh auf die Welt kam, merkt heute nicht einmal der Kinderarzt mehr etwas. So schwer ihr Start ins Leben war: Heute ist sie wirklich ein „Sonnenschein“, wie es eine Freundin immer wieder ausdrückt. Und ein großes Geschenk, dass wir sie bei uns haben.