Das reichste Land

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ein völlig utopisches Märchen

Es war einmal ein Land, das war eines der reichsten der Welt. Den Menschen ging es gut. Sie waren zufrieden mit ihrem Leben, jedenfalls die meisten. Natürlich gab es auch hier Menschen, die sehr reich waren, und andere, die sehr arm waren. Manche, aber nur wenige, hatten kaum genug, um ihre Miete zu bezahlen, geschweige denn, um genug gutes Essen zu kaufen. Doch es war eines der reichsten Länder der Welt, und wer nicht genug zum Leben hatte, bekam Hilfe, nicht viel, aber immerhin.

Und doch hatte dieses Land ein großes und drängendes Problem: Es war alt. Den Menschen ging es gut, sie waren gesund und lebten immer länger. Gleichzeitig bekamen immer weniger junge Leute Kinder. Keiner hatte eine Idee, wie die wenigen Jungen in naher Zukunft die Renten der vielen Alten bezahlen sollten. Als hätte die Menschen eine Lähmung befallen, dachten alle immer wieder über dieses Problem nach, doch niemand hatte wirklich den Mut, irgend etwas am System zu ändern. Und jedes Jahr starben mehr Menschen als geboren wurden. Die Bevölkerung schrumpfte. Schulen wurden geschlossen. Häuser standen leer und verfielen, ja, ganze Stadtteile blieben unbewohnt und in manchen ehemals stolzen Dörfern wohnten nur noch ein paar Hunde und Katzen und der eine oder andere griesgrämige Einsiedler.

Die Bevölkerung schrumpfte. Nicht nur Schulen wurden geschlossen, auch Geschäfte, in denen keiner mehr einkaufte. Rathäuser, die niemand mehr brauchte. Kirchen, die keiner mehr besuchte. Fabriken, deren Produkte keiner mehr kaufte. Und alles fing an, zu verfallen. Dächer stürzten ein. Straßen waren voller Schlaglöcher. Niemand war mehr da, den es interessierte. Das reiche Land war alt geworden, alt und leer, und alles Geld konnte daran nichts ändern.

Da geschah es, dass in einem fernen Land ein schrecklicher Krieg ausbrach. Ein grausamer Herrscher bekämpfte sein eigenes Volk, ließ Häuser bombardieren und alle, die Kritik an ihm übten, umbringen. Daneben machte sich ein zweiter, neuer Herrscher daran, die Macht an sich zu reißen. Er ließ alle töten, die nicht seinen Glauben teilten. Ließ ihre Häuser abbrennen und ihr Eigentum beschlagnahmen. Der Krieg breitete sich aus, überall in den benachbarten Ländern, ein halber Kontinent stand in Flammen. Zehntausende starben. Hunderttausende, zuletzt Millionen flohen aus ihrer zerstörten Heimat, konnten nicht mehr retten als ihr nacktes Leben, verloren ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Freunde, sehr viele ihr eigenes Leben.

Erschöpft, verletzt an Körper und Seele, halb verhungert und verdurstet kamen viele von ihnen auch an die Grenzen des reichen Landes und seiner Nachbarländer. Und zwischen dem reichen Land und seinen ebenfalls reichen Nachbarn entbrannte ein erbitterter Streit darüber, wie man mit diesen vielen, vielen Flüchtlingen umgehen sollte.

Ein Land baute große und starke Zäune, um seinen eigenen Reichtum zu schützen. „Wir können doch nicht alle aufnehmen“, so sagten die Politiker dort. Andere Länder pferchten die Menschen in Lager und behandelten sie schlechter als Vieh, in der trügerischen Hoffnung, es möge sich bei den nachfolgenden Flüchtlingen herumsprechen, dass sie hier keine Chance auf eine Bleibe haben. Doch den Strom der verzweifelten Flüchtlinge konnten sie nicht auf Dauer aufhalten, keiner konnte das.

Nur dieses eine, reiche Land tat etwas anderes. Hier hießen die Menschen die Ankömmlinge willkommen. Sie trugen so viel Speisen und Getränke zusammen, dass keiner, der kam, hungern musste, ja, so viel, dass die Polizei dazu aufrufen musste, erst einmal nichts mehr zu spenden. Sie feierten Willkommensfeste, damit diese armen, ausgemergelten Flüchtlinge endlich wieder mal etwas zu Lachen hatten. Keiner, wirklich keiner musste auf der Straße schlafen. Die Menschen öffneten ihre Türen, nahmen die Fremden zuhause auf, bis sie keine Fremden mehr waren, sondern Freunde, und bis sie einen Weg für ihre Zukunft gefunden hatten.

Die neuen Freunde, zumeist junge Menschen mit Kindern, bezogen schließlich die alten, baufälligen Häuser. Vom ersten Tag an packten sie an. Renovierten. Reparierten. Bauten neu auf. Ärzte eröffneten Praxen auf dem Land. Ingenieure und Architekten planten den Neuaufbau. Die Neuankömmlinge füllten die Schlaglöcher, bepflanzten die verwilderten Gärten, brachten das Leben zurück in das reiche Land. Schulen wurden auf einmal wieder gebraucht, Läden eröffneten neu, Rathäuser und Kirchen und nun auch Moscheen, denn manche von ihnen hatten einen anderen Glauben.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass nicht alles glatt lief. Die neuen Bewohner kamen von weit her, hatten andere Sitten und Gebräuche, kleideten sich anders, sprachen eine andere Sprache. Manches, was in dem reichen Land selbstverständlich war, war ihnen völlig fremd. Manches, was für sie ganz normal war, galt in diesem reichen Land als unhöflich oder sogar ungesetzlich.

Doch weil sich die Menschen schon so gut angefreundet hatten, blieben sie neugierig aufeinander. Sie lernten voneinander. Und vor allem: Sie lernten auch ihre eigenen Traditionen wieder neu kennen und lieben, denn auf einmal war nichts mehr selbstverständlich. So vieles musste neu erklärt werden, und nichts schärft das Verständnis für die eigenen Wurzeln so sehr wie anderen davon erzählen zu müssen.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es auch schwarze Schafe gab unter denen, die kamen. Nicht mehr, als es auch in dem reichen Land schon gab. Doch die Menschen in dem reichen Land ließen sich davon nicht abhalten, alle willkommen zu heißen, die zu ihnen kamen. Sie überlegten lange, diskutierten intensiv, wie sie mit Verbrechern in Zukunft umgehen wollten. Am Ende, nach vielen Jahren, entstand ein ganz neues Rechtssystem. Eines, das Versöhnung und Ausgleich suchte, nicht Rache. Ein Rechtssystem, das einmalig war auf der Welt und zu dem die Menschen in dem reichen Land allein niemals den Mut gehabt hätten.

In den Schulen lernten die Kindern voneinander. In vielen fröhlichen und bunten Nachbarschaftsfesten tauschten die Menschen Rezepte, lernten Spiele, Lieder und Geschichten der anderen. Ihre Sprachen und ihre Traditionen vermischten sich, doch es war nicht schlimm, im Gegenteil: Sie alle waren gemeinsam auf dem Weg. Etwas Neues entstand. Ein neues Land, das ihnen allen gemeinsam gehörte.

Das reiche und ehemals so alte Land erblühte ganz neu. Arbeitsplätze entstanden überall. Handwerker wurden gebraucht, Lehrerinnen und Lehrer, Verwaltungsangestellte. Fabriken wurden wiedereröffnet, denn es gab wieder Menschen, die die Produkte kauften. Und die Sorgen der Politiker, wer in zwanzig Jahren die Renten zahlen solle, lösten sich in Luft auf. Denn auch die jungen Menschen, die in diesem reichen Land aufgewachsen waren, bekamen auf einmal wieder mehr Kinder. 

Eine neue Gesellschaft entstand. Eine junge, fröhliche, dynamische Gesellschaft, die Kinder über alles liebte. Eine Gesellschaft, die internationale Feste feierte. Eine Gesellschaft von Menschen, die neugierig blieben, wie Kinder. Die um ihre Herkunft und ihre Wurzeln wussten und stolz darauf waren, was sie gemeinsam erreicht hatten. Forschung und Lehre waren ihnen wichtig. Alle sollten die bestmögliche Bildung erhalten. Allen sollte es gut gehen. Keiner sollte vergessen werden, nicht ein Mensch sollte hungern müssen. 

Fünfzig Jahre später war dieses Land immer noch das reichste der Welt. Doch Reichtum – das verstanden die Menschen nun anders als früher. Nicht mehr das Geld war ihnen wichtig. Sie fühlten sich reich, weil sie immer noch voneinander lernen konnten. Sie fühlten sich reich, weil aus der ganzen Welt junge Menschen zu ihnen kamen und die Gesellschaft bereicherten. Sie fühlten sich reich, weil sie von vielen, fröhlichen Kindern umgeben waren. Sie fühlten sich reich, weil ihre Schulen und Universitäten, ihre Forschungslabors und Fabriken zu den besten der Welt gehörten. Sie fühlten sich reich, weil sie Freunde und Verwandte in der ganzen Welt hatten, denn viele der ehemaligen Flüchtlinge waren wieder zurückgegangen in die Heimat, um dort die zerstörten Städte neu aufzubauen und noch einmal von vorne anzufangen.

Das Land aber, das damals den Zaun gebaut hatte, um die Flüchtlinge aufzuhalten: Es war nun verarmt. Es war den Weg gegangen, der sich damals im reichen Land abgezeichnet hatte. Immer mehr Alte, immer weniger Kinder. Häuser, Schulen und Fabriken waren verfallen, die Renten der Alten konnte keiner mehr bezahlen, viele mussten hungern. Welch ein Glück, dass sie ihre reichen Nachbarn hatten: Freigebig und fröhlich teilten diese, was sie hatten. Lastwagen voller Hilfsgüter fuhren in das arme Land, linderten die größte Not, verbreiteten neue Hoffnung.

Von überall auf der Welt kamen Politikerinnen und Politiker, um zu lernen, was das reichste Land der Welt denn anders gemacht hatte als alle anderen. Warum es den Menschen dort so sehr viel besser ging als den meisten anderen auf der Welt. Und egal, wen sie fragten, sie bekamen überall die gleiche Antwort: „Wir heißen jeden Menschen als Mensch willkommen.“ Und wurden danach zu einem Fest eingeladen. 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute. 

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